01.11.2011

Stellungnahme von Mitgliedern des Kompetenzzentrums

zur Einlassung des Landesnaturschutzbeauftragen Klaus Dürkop über den Maisanbau zur Biogaserzeugung in Schleswig-Holstein in den Kieler Nachrichten vom 15.10.2011



Die Stellungnahme zum Download*

*Forschungsprojekt Biogas-Expert im Rahmen des Kompetennzentrums (Linkkorrektur)



Kiel, 1. November 2011

 

Stellungnahme zur Einlassung des Landesnaturschutzbeauftragten Klaus Dürkop über

den Maisanbau zur Biogaserzeugung in Schleswig-Holstein (KN vom 15.10.2011)

Unter dem Titel Ist Maisanbau Landwirtschaft? hat der scheidende Landesnaturschutzbeauftragte

Klaus Dürkop mit seinen Beiratsmitgliedern Ulrich Mierwald und Prof. Klaus

Dierßen gegenüber den Kieler Nachrichten eine äußerst kritische Stellungnahme zum zunehmenden

Maisanbau im Zusammenhang mit der Biogaserzeugung gegeben.

Das Kompetenzzentrum Biomasse führt im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojektes

Biogas-Expert www.biogas-expert.uni-kiel.de seit mehreren Jahren umfangreiche Untersuchungen

gerade zu den Umweltwirkungen des Maisanbaus in den verschiedenen Landschaftsräumen

des Landes durch. Die Ergebnisse dieses Projektes werden laufend auf der oben genannten

homepage aktualisiert und sind somit allgemein zugänglich. Darüber hinaus werden diese

Ergebnisse von Wissenschaftlern der CAU Kiel seit mehr als 2 Jahren zu vielen Gelegenheiten

in Form von Vorträgen im Lande präsentiert. Der Landesnaturschutzbeauftragte und seine

Beiratsmitglieder hatten somit die Möglichkeit, sich umfassend über den Stand der Forschung

zu diesem Komplex im Lande zu informieren. Leider haben sie diese nahe liegende und im

Sinne der seriösen Öffentlichkeitsarbeit notwendige Sorgfalt in der Recherche vermissen lassen

und wissenschaftlich völlig unhaltbare Thesen als Fakten präsentiert. Darüber hinaus wird

der gesellschaftliche Kontext völlig außer Acht gelassen. Das Kompetenzzentrum Biomasse

nimmt daher zu einzelnen Aussagen des Artikels wie folgt Stellung:

 

Maisanteil im Land S-H rund 25%

Diese Aussage trifft nicht zu.

Laut Statistikamt Nord (vorläufige Zahlen für 2011) beträgt der Maisanteil (194.400 ha) an

der landwirtschaftlichen Nutzfläche (999.500 ha) 19.4%. Eine landschaftsprägende Feldfrucht

stellt der Mais lediglich auf den sandigen Ackerstandorten der Geest dar. Dies ist

darauf zurückzuführen, dass zum einen in diesem Landschaftsraum hohe Grünlandanteile an

der landwirtschaftlichen Nutzfläche vorherrschen, mithin rel. wenig Ackerflächen verfügbar

sind und zum anderen keine wirtschaftlichen Alternativen zum Maisanbau gegeben sind,

unabhängig davon, ob der Mais zur Biogaserzeugung oder zur Futtererzeugung für Milchkühe

angebaut wird. Im östlichen Hügelland und in der Marsch dominiert der Weizen und nicht der

Mais das Landschaftsbild.

 

Maisanbau führt zu starkem Humusabbau und beträchtlichen Bodenverdichtungen

Die Kinder der rund 420 Landwirte, die jetzt Mais anbauen, würden bei Betriebsübernahme

große Probleme bekommen, diese Böden zu nutzen

Diese Aussagen entbehren jeglicher Seriosität. Bei langjährigem Anbau von Silomais auf

einer Fläche ist von einer gewissen Humuszehrung auszugehen, die entsprechend der Vorgaben

zur guten fachlichen Praxis mit einem Wert von 560 kg Humus-C pro Jahr anzusetzen

sind. Diese Zahl beruht auf wissenschaftlich erhobenen Daten über mehrere Jahrzehnte. Das

heißt, die Landwirte sind in dieser Situation gefordert, einen Humusausgleich durch verschiedenste

alternative Maßnahmen (Fruchtwechsel, Zwischenfrüchte, Untersaaten, organische

Düngung in Form von Gülle bzw. Gärreste oder Stallmist etc.) zu gewährleisten, um so einen

angemessenen Bodenhumusspiegel als Indikator einer guten Bodenfruchtbarkeit zu erhalten.

Verschiedene Datenerhebungen im Lande insbesondere in den Gebieten der Wasserschutzgebietsberatung

zeigen, dass die Humusgehalte des Bodens auch nach langjährigem Maisanbau

deutlich über den Mindeststandards (1% bei Tongehalten unter 13% bzw. 1,5 % bei

Tongehalten über 13%). In einer auf der Hochschultagung der CAU 2011 vorgestellten Studie

des Instituts für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung (Taube et al., 2011) konnte auf Basis der

Untersuchung von mehr als 80 repräsentativen Praxisflächen im Lande gezeigt werden, dass

selbst ein mehr als 20-jähriger Maisanbau nicht zu kritisch niedrigen Humusgehalten führte.

Im Gegenteil, die dokumentierten Humusgehalte und Humusmengen im Boden reichten nah

an die Werte von Dauergrünland heran (- 20%). Ackerflächen, die langjährig in mehrgliedrigen

Fruchtfolgen genutzt wurden, wiesen demgegenüber eine größere Differenz (31-38%)

zu Dauergrünland auf.

Somit ist zu konstatieren, dass auch ein langjähriger Maisanbau auf der gleichen Fläche nicht

die Bodenfruchtbarkeit (Humusgehalt) einschränken muss. Die Kinder der Betriebsleiter, die

heute Mais egal in welcher Fruchtfolgekonstellation anbauen, müssen sich somit keine Sorgen

machen, dass sie bei der Betriebsübernahme große Probleme bekommen, diese Böden zu

nutzen. Eine solche Aussage des Landesnaturschutzbeauftragten entbehrt jeder sachlichen

Grundlage.

Gleichwohl ist völlig unstrittig, dass Mais, wo immer möglich, als Teil einer Fruchtfolge eingesetzt

werden sollte. Zum einen aufgrund der höheren Maisertragsleistung nach günstigen

Vorfrüchten, zum anderen, um die Ausbreitung von Krankheiten und Schädlingen zu verhindern.

Entgegen der Aussage von Herrn Dürkop, wonach 420 Landwirte im Lande Mais anbauen

und somit von dieser Kulturpflanze profitieren, sind dies schätzungsweise deutlich mehr als

4000 Landwirte, die Mais vornehmlich als Futtergrundlage zur Milch- und Fleischerzeugung

anbauen.

 

Verheerende Folgen für die Artenvielfalt

Diese Aussage trifft nicht zu. Umfangreiche Studien verschiedener Forschergruppen zeigen,

dass sich die Artenvielfalt in einer intensiv genutzten Agrarlandschaft zwischen den angebauten

Kulturen nur unwesentlich unterscheidet (vgl. Neumann et al., 2009; Otte, 2010;

Freier, 2011). So geht die Gruppe um Otte auf Basis von Daten aus Hessen davon aus, dass

auf Landschaftsraumebene Maisanteile an der LN von bis zu 40% keine negativen Effekte auf

verschiedene Indikatorarten für Artenvielfalt aufweisen, bei Maisanteilen von durchschnittlich

19,4 % in S-H bedeutet dies, dass nur einige wenige Gemeinden auf der Geest diesen Bereich

überschreiten. Im östlichen Hügelland ist die Situation sogar umgekehrt. Hier führt der Maisanbau

in der Regel zu einer Erweiterung der engen Raps – Weizen – Weizen Fruchtfolgen

und somit zu einer Erhöhung der Kulturartendiversität. Die Gruppe um Freier (2011) kann

eindrucksvoll zeigen, dass Maisäcker in dieser Situation eine grüne Brücke für viele Organismen

der Agrarlandschaften darstellen nachdem Raps und Weizen abgeerntet worden

sind.

 

Mais-Monokultur sorgt für einen massiven Ausbau von Dünger, Herbiziden und anderen

Pflanzenschutzmitteln

Diese Aussage trifft nicht zu. Ganz im Gegenteil: Ersetzt Mais eine andere Ackerkultur, wirkt

dieses bezüglich Pflanzenschutzmitteleinsatz und Mineraldüngereinsatz eher positiv, denn

Mais ist die Kulturart des Ackerbaus mit dem geringsten Einsatz an Pflanzenschutzmitteln

und dem geringsten Bedarf an N-Düngern für das Erreichen des Maximalertrages (siehe Abbildung

1). Andere Pflanzenschutzmittel als Herbizide werden überhaupt nicht eingesetzt.

Durch die Rückführung der Gärreste auf die Flächen kann der mineralisch zugedüngte Stickstoffdünger

bei optimiertem Management auf eine Größenordnung von ca. 50 kg/ha reduziert

werden, da Mais die Kulturart ist, die die höchste Stickstoffverwertungseffizienz aufweist,

d.h. mit 1 kg Düngerstickstoff die höchsten Ertragszuwächse realisiert.


Grafik aus Stellungnahme zu Duerkop



 


Abb. 1. Fakten zu Intensitätsfaktoren relevanter Kulturpflanzen zur Substraterzeugung in

Schleswig-Holstein (* = Summe aller Pflanzenschutzmittelapplikationen).

 

Mais führt zu verschärfter Belastung des Oberflächen- und des Grundwassers…

Diese Aussage trifft so pauschal nicht zu. Untersuchungen im Biogas-Expert Projekt zeigen,

dass bei optimaler Produktionstechnik unter Maismonokultur keine erhöhten Stickstoffausträge

je ha im Vergleich zu einer Mais-Winterweizen Fruchtfolge auftreten (Svoboda, 2011)

bei in der Regel höheren Erträgen des Maises im Vergleich zu Weizen. Das bedeutet, die

Ökoeffizienz, also die Stickstoffauswaschung je produzierte Einheit Trockenmasse oder

Methan, ist bei Mais günstiger als bei den meisten anderen Ackerkulturen. Reduzierte Nährstoffausträge

und damit die Erfüllung der Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie sind

somit weniger eine Frage der Kulturart (in diesem Fall Mais) als vielmehr des Managements

insbesondere hinsichtlich der Stickstoff- und Phosphordüngung. Hier gibt es in vielen Fällen

tatsächlich noch Optimierungsbedarf, denn bezüglich des kritischen Rohproteingehalts in

Maissilagen, also des Rohproteingehaltes, der einen vollen Ertrag absichert (~ 6,2 – 7,0 %

RP), ist festzustellen, dass etliche Maissilagen im Lande eine Überversorgung anzeigen

(Techow, 2011). In abgestimmten Ansätzen zwischen dem MLUR, der CAU und der Landwirtschaftskammer

werden derzeit weitere Optimierungsstrategien eines Grundwasser schonenden

Maisanbaus entwickelt.

Wenn in diesem Bereich neben der Beratung und Freiwilligkeit auch Restriktionen (klare

Grenzziehungen) durchgesetzt werden sollten, wie das der Landesnaturschutzbeauftragte

fordert, dann ist ihm sicher auch klar, dass dies die Bundesgesetzgebung (gute fachliche

Praxis) betrifft. Das Land hat dort keinerlei eigene Rechtskompetenz – ganz abgesehen von

der Frage der Umsetzbarkeit (Kontrollierbarkeit etc.) eines derartigen Unterfangens.

 

420 Landwirte profitieren, die gesamte Gesellschaft muss darunter leiden…

Abgesehen von der schon oben angeführten Tatsache, dass es wesentlich mehr Mais anbauende

Betriebe in Schleswig-Holstein gibt als die angeführten 420, erscheint es notwendig,

darauf hinzuweisen, dass nicht die gesamte Gesellschaft unter 420 Betrieben in Schleswig-

Holstein leidet. Es ist vielmehr gesellschaftlicher Konsens, regenerative Energien effizient

zu nutzen, dies gilt umso mehr nach dem beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie in

Deutschland. Die Biogaserzeugung deckt in Deutschland inzwischen 2.2 % des Stromverbrauchs

bzw. 0.5% des Wärmeverbrauchs (Jahr 2010), für Schleswig-Holstein wurden 2009

mit 5,9 % des Stromverbrauchs und 0,9% des Wärmeverbrauchs aus der Bereitstellung der

regenerativen Quelle Biogas deutlich über dem Bundesdurchschnitt liegende Werte erzielt.

Dies wird an anderer Stelle als Erfolg verbucht, auch wenn unstrittig ist, dass die CO2-Vermeidungskosten

dieser Technologie vergleichsweise hoch sind.

Da Schleswig-Holstein insgesamt aufgrund seiner Böden und der klimatischen Situation als

Gunststandort der landwirtschaftlichen Produktion anzusehen ist und sich auch die Milchviehbetriebe

(mit oder ohne Biogas) mit Investitionen und einer Ausweitung der Produktionskapazitäten

auf die Zeit nach der Milchquote vorbereiten, ist landwirtschaftliche Nutzfläche

knapp und entsprechend teuer, d.h. die Ansprüche an die Flächenproduktivität steigen sowohl

für die Milchvieh- wie für die Biogasbetriebe und die Konsequenz daraus heißt: ein vergleichsweise

hoher Anteil von Silomais, weil diese Kulturart höchste Erträge mit hoher

Ertragssicherheit und vergleichsweise geringen Produktionskosten kombiniert und dazu bei

optimierter Produktionstechnik auch ökologisch hoch effizient ist. Oder anders ausgedrückt:

Wer A wie Atomausstieg sagt, muss auch B wie Biomasse aus Mais sagen, weil dies der

effizienteste Weg ist, um bei knapper Fläche ein Maximum an Leistung zu erzielen.

 

Resümee

Mit der in weiten Teilen unsachlichen und falschen Darstellung der Umweltwirkungen des

Maisanbaus hat der Landesnaturschutzbeauftragte keinen Beitrag zur seriösen Information

einer interessierten Öffentlichkeit geleistet. Dies erstaunt umso mehr als zum einen externer

Sachverstand aus den Reihen des Beirats beim Landesnaturschutzbeauftragten zur Verfügung

stehen sollte und zum anderen im Kompetenzzentrum Biomasse ein umfängliches Datenmaterial

in allen Landschaftsräume Schleswig-Holsteins erarbeitet und publiziert wurde, welches

bei gewissenhafter Recherche genutzt worden wäre und zu anderen Schlüssen geführt hätte.

Es ist grundsätzlich völlig unstrittig, dass ständig an Verbesserungen in der Produktionstechnik

von allen relevanten Kulturpflanzen gearbeitet werden muss und dass neue wissenschaftliche

Erkenntnisse diesbezüglich schneller in die Praxis transferiert werden müssen, gerade

wenn es die Umweltwirkungen des Pflanzenbaus betrifft. Es ist auch unstrittig, dass in diesem

Zusammenhang über notwendige Anpassungen im Bereich der guten fachlichen Praxis zu

diskutieren ist und möglicherweise stärkere gesetzliche Reglementierungen angebracht sind.

Das ist aber etwas völlig anderes als die durch den Naturschutzbeauftragten erfolgte unsachliche

Diskreditierung der hoch effizienten und leistungsfähigen Kulturpflanze Mais.

 

Prof. Dr. Friedhelm Taube und Prof. Dr. Antje Herrmann

Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung, CAU Kiel

ftaube@email.uni-kiel.de

 

Literatur

Freier B (2011) Sind Mais und Biodiversität ein Gegensatz? Mais 1/2011, 12-15.

Neumann H, Loges R, Taube F (2009) Ausdehnung der Maisanbaufläche infolge des

Biogas-Booms - ein Risiko für Feldvögel? Berichte über Landwirtschaft 87, 65-86.

Otte A (2010) Biogas und Biodiversitat –ein Gegensatz? Symposium Energiepflanzen –

Landschaft der Zukunft, 11. März 2010, Neu-Anspach. Online verfügbar: www.naturpurinstitut.

de/download/Otte-Symposium-2010-03-11.pdf.

Svoboda N (2011) Auswirkungen der Gärrestapplikation auf das Stickstoff-Auswaschungspotential

von Anbausystemen zur Substratproduktion. Dissertation, CAU Kiel (in Druck).

Taube F, Herrmann A, Loges R (2011) Grünlandumbruchverbot: Für Schleswig-Holstein

gerechtfertigt? Schriftenreihe der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät der

Universität Kiel, Heft 117, 47-54.

Techow E (2011) Düngen wir zu viel oder ernten wir zu wenig? Grundfuttertag 2011. Online

verfügbar:

http://www.lwksh.de/cms/fileadmin/user_upload/Downloads/Pflanzenbau/Futterkonservieru

ng/Vortrag_GFT_Techow_11.pdf.

 


Aktuelles...

Zukunftsprogramm